Freitag, 25. November 2011

Seide - ist das nun fairtretbar?


Vor ein paar Wochen kam meine Mutter aus Indien zurück, im Gepäck ein Seidenschal für mich.


Ich habe wie immer innerlich aufgestöhnt. Sie kann und will sich schlicht nicht merken, dass ich nichts von Seide halte, das geht schon Jahre so, ziemlich genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich über die Information darüber gestolpert bin, woraus Seide eigentlich gemacht wird.
Grinsend erzählte sie mir, das wäre ein Schal, den "ich auch" tragen könne, schließlich wäre der auch für Jains geeignet und noch dazu aus einem lokalen fairtrade Projekt.
Nachdem ich meine Mutter kenne und ihre Gewohnheiten meine Wünsche permanent zu vergessen mittlerweile ignoriere, (ich mag sie wirklich gern, aber bei diesen Themen liegen wir so meilenweit auseinander, dass sie schlicht nicht versteht, weswegen ich etwas nicht nutze; so finden auch immer wieder Gelatinegummibärchen ihren Weg in meine Pakete) habe ich den Schal einfach mal bei meinen Eltern "vergessen". Schade, dachte ich mir, eigentlich ein schöner Schal, aber eben Seide.


Und eigentlich hatte ich ihn auch wieder vergessen, bis ich heute zufällig über ein Projekt gestolpert bin: Entwicklungshilfe durch Seidenraupenzucht in Indien. Sehr lesenswert, Indien ist, so viele offensichtliche Baustellen es gibt, ein Land, von dessen Umgang mit der Umwelt und der sanften Landwirtschaft viel für eine "grüne Entwicklungshilfe" gelernt werden könnte. In Jharkhand, einem indischen Bundesstaat, der so arm ist, dass die meisten Bauern von 20€ im Monat leben, wurde nun eine neue Methode des Seidenfarmings entwickelt, die 200.000 Arbeitsplätze rund um die Zucht, Aufzucht und Verarbeitung von Seide geschaffen hat. Ich möchte gar nicht zu weit vom eigentlichen Thema abschweifen, aber der oben verlinkte Beitrag ist tatsächlich lesenswert.


Kokons des Seidenspinners
Hierbei wird eine besondere Form des Seidenfarmens betrieben: die Raupen wachsen geschützt auf, werden dann eingesammelt, wenn sie sich in Kokons versponnen haben und anstatt dem übliche Prozedere, die Larven am 10. Tag in den Kokons zu verbrühen, dürfen sie schlüpfen, Eier legen und der Kreislauf beginnt von vorne.
An diesem Punkt stutzte ich beim lesen, ehrlich gesagt war ich bisher davon ausgegangen, dass Seide immer und überall in der üblichen Form industriell hergestellt wird (um einen Sari herzustellen tötet man etwa 50 000 Seidenraupen), ich bin zwar kein besonders großer Insektenfreund, aber ich mache meine Lebensweise nicht unbedingt von Sympathie abhängig, insofern meide ich Seide schon seit Jahren.


Nun erinnerte ich mich auch wieder an den ominösen Schal und nach ein paar Klicks war ich auch schon bei einem ebenfalls relativ neuen Projekt angekommen: Ahimsa-Seide, auch "Peace-Silk". Also gewaltlose Seide?
Wie man hier nachlesen kann, hatte der Inder Kusuma Rajaiah nach ein paar Anfragen die Idee Saris aus Maulbeerseide zu produzieren, ohne dafür die Motten zu töten. Generell ging man bis zum damaligen Zeitpunkt davon aus, dass der Kokon der geschlüpften Motte nicht verwertbar wäre, weil durch die Durchbruchstelle der Faden verkürzt wurde, somit war das Garn unbrauchbar geworden.
Statt nun aber das Garn als solches zu verwenden, wird daraus ein Seidenfaden gesponnen, das beeinträchtigt, laut Kusuma zwar den Glanz, dafür knittere der Stoff nicht und die besondere Struktur sorge dafür, dass er schöner falle.
Das wichtigste: bei der Produktion werden keine Motten oder Raupen getötet. Zudem wird die anschließende Handarbeit von lokalen Familienbetrieben ausgeführt. 


Dies gilt aber wohl nicht nur für Ahimsa-Seide, sondern auch für Tussah-Seide, die Seide des Japanischen Eichenseidenspinners, denn hier werden die bereits geschlüpften Kokons von Raupen des Tussah-Seidenspinners aufgesammelt und anschließend das Garn versponnen, woraus sich eine bestimmte, ganz eigene wildseidige rauere Struktur ergibt, da der Faden der Tussah-Spinner dicker ist und die Struktur deswegen weniger fein wirkt.
Nicht zu verwechseln ist Tussahseide mit klassischer Wildseide; zwar wird sie oftmals gleich gelabelt, Wildseide ist aber üblicher Weise klassische Maulbeerseide und wird somit nicht aus den bereits ausgeschlüpften Kokons gewonnen. 

Ist diese Art Seide nun vegan?


verschiedene Seidenspinner
Ich bin geneigt das mit einem "Jein" zu beantworten.
Seide ist und bleibt ein tierisches Produkt, daran ist nicht zu rütteln. Trotzdem sehe ich nichts verwerfliches daran, den bereits genutzten Kokon zu verwerten. Wenn ich am Strand eine leere Muschelschale finde nehme ich sie auch mit, sofern sie mir gefällt.
Ich muss gestehen, dass ich, von der Frage mal abgesehen, ob man solche Kleidungsstücke braucht, keine Bedenken habe diese Art Seide zu verwenden. Ein bisschen skeptisch bin ich zwar nach wie vor, aber ich traue aus einem naiven Glauben heraus den Indern mehr als den meisten anderen Nationen zu, eine tierrespektierende Produktion leibhaftig in die Tat umzusetzen.
Vielleicht ist auch eine Unterscheidung zwischen der Maulbeerseide aus der Fabrik und den wildgesammelten Kokons angebracht?
Trotzdem: Wirklich wirklich vegan ist auch diese Art der Seide nicht. Sie ist und bleibt ein tierisches Produkt, auch wenn es sich um Abfall handelt.





Und was heißt das nun für den indischen Schal?
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich denke ich werde ihn tragen. Ich sehe im Moment nicht viel, was dagegen sprechen würde. Eher überwiegen die positiven Aspekte: der wirtschaftliche Faktor, der fair trade Gedanke. Projekte wie das oben genannte zu unterstützen ist mir wichtig, weil ich finde, dass das ein durchaus sinnvoller Weg ist, der da eingeschlagen wird, bei dem eigentlich keiner zu Schaden kommt.


Allerdings: Eine Entschuldigung bei meiner Mutter wäre wohl angebracht.


Was haltet ihr davon? Vertretbar oder nicht?


Lesenswertes:

http://www.outlookindia.com/mad.asp
http://www.bio-seide.de/contents/de/essay_ahimsa_university_bihar.pdf

Kommentare:

  1. Ich hätte wohl auch so gehandelt. Ich habe neulich erst wieder im TV gesehen, wie Seide industriell produziert wird. Mich hat es geschüttelt bei dem Gedanken, dass die Raupen lebendig gebrüht werden.
    Aber da bei deinem Produkt und dessen Rohstoff laut Informationen des Herstellern das tierquälende Prozedere entfällt, nunja du hast Recht, tierischen Ursprungs ist diese Seide immer noch und man könnte sagen, man solle den Raupen ihren Abfall lassen, wenn man das wollte, aber da es sich nur um Abfall handelt, den die geschlüpfte Raupe bzw. der Falter dann eh nicht mehr braucht...finde ich solche Projekte durchaus okay.
    Man nimmt dem Tier nichts weg, was es braucht bzw. tötet man es nicht auf so eine brutale Art.

    Meine Eltern regen sich aber auch immer auf. "Was du kaufst nur noch Gummischuhe! Die haben doch überhaupt keine Qualität, die scheuern dir die Füße auf!"...oder "Wieso willst du den tollen Mantel nicht anprobieren? Nur weil da Wolle drin ist?"...sie haben sich schon extrem aufgeregt, als ich meine alte Bettdecke gegen eine aus Baumwolle ausgetauscht habe.
    Wenn da null Verständnis ist, da kann man seine lieben Eltern noch so gern haben, da könnte man manchmal echt ausrasten oder?!

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  2. Furchtbar, ja.
    Ich will da auch echt nicht patzig drauf reagieren, aber manchmal kommt mir echt die Galle hoch.
    Ich glaube ja langsam, dass Veganismus das Herzinfarkt- und Magengeschwürrisiko erheblich erhöht, so oft, wie ich meine Wut über ignorante Mitmenschen runterschlucke oder mein Puls mal wieder auf 180 schnellt ^^

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  3. Das machst du dann wett mit deiner ausgezeichneten körperlichen Verfassung dank veganer Ernährung. ;)

    Guter Artikel, vielen Dank! Ich hab mir über Seide noch nie Gedanken gemacht und auch noch nie was aus Seide besessen, auch schon zu präveganen Zeiten nicht.
    Außerdem bin ich auch einigermaßen liberal eingestellt und würde auch spontan aus dem Bauch heraus sagen, dass es ja ok ist, Kokons weiterzuverwerten, aus denen der Schmetterling schon rausgeschlüpft ist. Wenn es so wäre wie bei Schafen, also dass aus Gründen der Produktionssteigerung entweder größere Larven gezüchtet werden oder deren Fadenproduktion durch genetical engineering zu steigern versucht würde, wäre das natürlich was anderes und ich würde das deutlich skeptischer sehen. Aber so....

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