Sonntag, 27. Mai 2012

Aktuelle Studie zum Zusammenhang zwischen Welthunger und Futtermitteln

Brot für die Welt stellte kürzlich eine aufsehenerregende Futtermittelstudie unter dem Titel "Brot oder Trog- Futtermittel, Flächenkonkurrenz und Ernährungssicherheit" vor.
De facto belegt die Studie erneut, was in Tierrechtskreisen schon lange vermutet und vorgetragen wurde, die Futtermittelimporte der EU haben in den entsprechenden Anbauländern schwerwiegende Folgen, sowohl in umweltpolitischer als auch in kultureller Hinsicht. Wie schwerwiegend möchte ich im einzelnen kurz zusammenfassen, das Lesen der Studie (knapp 40 Seiten, PDF-Download kostenlos bei Brot für die Welt, gebundene Ausgabe gegen geringe Gebühr unter demselben Link erhältlich) ist aber trotzdem zu empfehlen.


Ich finde solche Studien vor allem deswegen besonders notwendig, weil sie nicht aus dem Lager der Tierrechtler kommen und somit eine ganz andere Diskussionsbasis schaffen können, also auch von denjenigen beachtet werden, die Studien von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen per se anzweifeln, allerdings erklärt sich hierdurch die für tierrechtsthemen untypische Wortwahl, ich bitte diese zu entschuldigen/zu überlesen. Obwohl ich wirklich viel zu diesem Thema lese habe ich aus der Lektüre eine ganze Menge neuer Informationen mitnehmen können.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten der Studie: 

Die zunehmende Intensivtierhaltung führt durch die Züchtung von Hochleistungsrassen zur Verarmung der Artenvielfalt bei Nutztierrassen. Hierdurch werden an lokale Bedingungen angepasste Landrassen verdrängt, was vor allem in den Entwicklungsländern die Ernährungssicherheit gefährdet. (S. 10)
Selbst in Argentinien wird mittlerweile die Hälfte der Rinder auf Feedlots, einer Massenhaltungsform für Rinder, großgezogen.

Die Industrienationen verbrauchen die Hälfte des weltweiten Kraftfutteraufkommens (1,2 Milliarden Tonnen), im weltweiten Durchschnitt besteht Kraftfutter zu 57% aus Getreide. In der europäischen Union werden 64% der Getreideproduktion verfüttert, im weltweiten Vergleich waren es lediglich 34% wobei Subsahara-Afrika und Indien unter 10% der Getreideernte verfüttern. (S. 13 f.)

"So finden sich etwa bei der Hühnerfleischerzeugung nur 11 Prozent der pflanzlichen Energie und 20 Prozent der Proteine, die im Hühnerfutter enthalten sind, im Endprodukt wieder. Noch weit schlechter sind diese Werte für die Schweine- und Rindfleischerzeugung. Das Rindfleisch enthält sogar nur drei Prozent der pflanzlichen Energie, die von den Rindern einst mit den Futterrationen aufgenommen wurden. Umgekehrt heißt dies, dass bei der Hühnerfleischproduktion 89 Prozent der eingesetzten Pflanzenenergie verloren gehen, bei Schweineund Rindfleisch 91 bzw. 97 Prozent. Der Proteinschwund  bewegt  sich  zwischen  80  und  96  Prozent." (S. 14 f.)

Deutschland ist bei Futtermitteln reine Importnation (siehe Tabelle, diese findet sich auf S. 19).
Produziert aber ca. 10% mehr Tierprodukte als für die Eigenversorgung gebraucht würden. (S. 19), die Folgen beschreibt die Studie wie folgt:

"Doch in vielen Entwicklungsländern verloren bereits zahlreiche Produzenten ihre Existenzgrundlage aufgrund der europäischen Exporte tierischer Lebensmittel, die ohne die Verwendung billiger Futtermittel nicht möglich wären. Hinzu kommt, dass die Exporteure von erheblichen Subventionen profitieren, vor allem Direktzahlungen und – wenn auch in abnehmendem Maße – Exportsubventionen (Berthelot 2011). So werden etwa zwei Drittel der EU-Exporte von Milchprodukten in Entwicklungsländern verkauft, ein Viertel davon in Afrika (Oxfam 2009, Boulanger 2009). In westafrikanischen Ländern wie Kamerun, Burkina Faso oder Ghana haben tausende kleinere Milchviehbetriebe keine Chance, ihre Rohmilch an Molkereien zu verkaufen, da diese das weit billigere Milchpulver aus der EU zur Erzeugung von Milch oder Joghurt verwenden.Zwar geht nur ein kleiner Teil der EU-Schweinefleischexporte nach Afrika (die hauptsächlichen Absatzmärkte liegen in Russland, Japan, Südkorea und China), doch 
genügen bereits kleine Mengen, um erhebliche Verdrängungseffekte auf den lokalen Märkten auszulösen (USDA 2011b). Gegen die EU-Schweinefleischexporte nach Subsahara-Afrika, die sich in der Vergangenheit massiv erhöhten, können etwa die Schweinemäster in Kamerun 
oder Angola kaum konkurrieren, da die Preise der Importwaren deutlich unter denen des lokalen Frischfleisches liegen, teils um mehr als die Hälfte"  (S. 19 f.)

Die Studie erklärt ferner, dass es sich bei Futtermittelimporten um einen virtuellen Handel mit Land handle, also um Anbauflächen, die der EU und Deutschland speziell nicht zur Verfügung stünden. Besonders hoch sind die Importe an Ölsaaten, hier ist als primäre Quelle die Sojabohne zu nennen.

Folgen des Sojaanbaus

Die landwirtschaftliche Primärproduktion von Sojabohnen befindet sich vornehmlich in der Hand südamerikanischer Anbauer. Bisher sind dem Anbau in Brasilien, Paraguay und Argentinien ca. 64 Millionen Hektar Urwald zum Opfer gefallen. Aufgrund der Entwaldung trägt der Anbau massiv zur Verschlimmerung des Treibhauseffekts bei.
Allerdings hat die Sojaindustrie zusätzlich einen massiven Verdrängungseffekt. Da dem Anbau Weiden und andere Anbauflächen weichen mussten, werden hierfür weitere Wälder und Savannen gerodet. Genaue Zahlen benennt die Studie hierfür aber nicht. (S. 24)

Als weiterer wichtiger Unterpunkt sind Bodenkonflikte und Landnahme zu benennen, da die Expansionsgebiete des Sojaanbaus Kleinbauern und indigene Völker verdrängen. Besonders zu erwähnen ist hier die Tatsache, dass es viele Kleinbauern gibt, die "freies" Land bewirtschaften, was ihnen verfassungsmäßig garantiert wird, die allerdings keine eigenen Eigentumsrechte an den von ihnen bewirtschafteten Flächen haben. Dies trifft in Brasilien in etwa auf eine Mio Höfe zu.
Die Vertreibung geschieht auf unterschiedliche Weise, sowohl direkt mit Gewalt als auch über Urkundenfälschung oder ausgeklügelte Zermürbungstaktik auch Ankauf, meist weit unter Wert, ist gängig. (S. 25)

Folge ist meist die Verarmung der Vertriebenen, da die monokulturell geführten Sojaplantagen keine oder nicht ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten bieten.

Bei den indigenen Völkern kommt zusätzlich hinzu, dass mit der Rodung der Wälder ihre Lebensgrundlage entfällt oder massiv eingeschränkt wird, so dass ein Aufrechterhalten der Kultur nicht mehr möglich ist. (S.26 f.)

Der Anbau von Gensoja ist aufgrund der mit Flugzeugen ausgebrachten Pestizide häufig extrem gesundheitsschädlich für Anwohner, da die Mittel abdriften können. Gesundheitliche Folgen die bereits auftreten sind Missbildungen, Unfruchtbarkeit oder Frühgeburten. (S. 27)

Die Studie untersucht ferner die zu erwartenden Auswirkungen bei einer Reduktion tierischer Nahrungsmittel. Hier wird davon ausgegangen, dass der Flächenbedarf enorm sinken würde. Eine Sonderrolle nimmt dabei der Sojaanbau ein:

"Auswirkungen eines verringerten Futtermittelkonsums auf die Sojanachfrage
Zwar kann eine Reduzierung des Futtermittelverbrauchs die Nachfrage nach Getreide und anderen 
Futterfrüchten senken und damit zu einer Flächenfreisetzung führen, doch ist das Ausmaß dieses Freisetzungseffekts bei Ölschroten recht schwer einzuschätzen, da es sich um Koppelprodukte handelt. Beim Auspressen einer Tonne Sojabohnen entstehen im Schnitt 188 Kilogramm Sojaöl und 800 Kilogramm Sojaschrot. Gleichwohl liefern Schrot und Öl ähnlich hohe Erlösanteile, da der Ölpreis bisher meist dreimal höher war als der Schrotpreis. Der Verbrauch von Sojabohnen hängt insofern nicht nur von der Nachfrage noch Sojaschrot, sondern auch von der nach Sojaöl ab. Sinkt die Nachfrage nach Schrot, während jene nach Öl konstant bleibt, würde dies den Nachfragerückgang bei Sojabohnen dämpfen. Die Sojaproduktion könnte nicht im gleichen Ausmaß sinken wie die Schrotnachfrage (Grethe et al. 2011: 51). 
Wie stark dieser Dämpfungseffekt allerdings ausfällt, hängt von sehr vielen weiteren Faktoren ab, 
die die Nachfrage nach Ölen und Schroten beeinflussen (z.B. Pflanzenölpreise, die Biodieselerzeugung oder das Angebot alternativer Proteinlieferanten). Der US-Agrarforscher Peter Goldsmith indes identifiziert eine höhere Abhängigkeit der Sojabauern vom Futtermittelmarkt als vom Pflanzenölmarkt, sodass ein sinkender Schrotpreis nicht durch einen im gleichen Ausmaß steigenden Ölpreis ausgeglichen werden könnte. „Den Fokus der Branche auf das Öl zu verschieben, wäre nicht wirtschaftlich tragfähig“, so die Einschätzung des Forschers (Goldsmith 2008: 148). Bei einem steigenden Pflanzenölpreis würden Bauern und Verarbeiter eher ölreichere Pflanzen bevorzugen wie Sonnenblumen oder Raps, aus denen sich Öl effizienter gewinnen lässt als aus Soja. Ist diese Einschätzung zutreffend, würde eine Verminderung des Sojaschrotkonsums nicht durch eine höhere Nachfrage nach Pflanzenölen kompensiert werden können."
(S. 30)

In der Schlussfolgerung wird die Studie nochmal konkret:

"Für eine Verminderung der flächenintensiven Futtermittelnachfrage ist es unabdingbar, dass Verbraucher in 
Deutschland und Europa ihren Konsum tierischer Lebensmittel einschränken. Da dies nicht nur ökologische 
und entwicklungspolitische, sondern auch gesundheitliche Vorteile mit sich bringt, sollten entsprechende Angebote der Verbraucheraufklärung und Ernährungsberatung ausgebaut werden. In der Ernährungsberatung sollte daneben erwogen werden, inwieweit der häufig empfohlene Umstieg von rotem Fleisch (Schwein oder Rind) zu weißem Geflügelfleisch tatsächlich ratsam ist. 
Dies mag zwar aufgrund des etwas niedrigeren Fettgehalts der Diät ernährungsphysiologisch sinnvoll erscheinen.  Doch  stehen  auch  Hühner  in  einer  direkten  Nahrungskonkurrenz zum Menschen, da für deren Fütterung stets Ackerland belegt werden muss, das auch alternativ genutzt werden könnte." (S. 34)


Eine weitere Forderung bezieht sich dagegen konkret auf zu schaffende Standards beim Import:


Solange die EU noch Futtermittel importiert, ist es geboten, diese an die Einhaltung verbindlicher Sozial- und 
Umweltstandards in den Lieferländern zu knüpfen. Solche Nachhaltigkeitsstandards müssten international 
anerkannte soziale, ökologische und Menschenrechtsnormen umfassen. So wären insbesondere das Menschenrecht auf angemessene Nahrung, die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation sowie die spezifischen Rechte von indigenen Völkern zu berücksichtigen, darunter vor allem die Sicherung traditioneller Landnutzungsrechte. Die Erarbeitung derartiger Biomasse- bzw. Futtermittelstandards muss unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft in den Anbauländern erfolgen. Die Standards müssten insofern auch weit über die Nachhaltigkeitskriterien hinausgehen, die in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU für die Zertifizierung von Biokraftstoffen festgelegt sind. (S. 34 f)



mein persönliches Fazit

Die Studie unterstreicht das was Tierrechtler schon seit Jahren anführen: Tierproduktkonsum ist schädlich für Mensch und Natur. Vorliegend kommt die miserable Behandlung der meisten Tiere, die zum schlachten gezüchtet werden überhaupt nicht zum tragen, aber selbst wenn man kein Tierrechtler oder -schützer ist, ergeben sich aus humanitärer Sicht und sozialer Verantwortung mehr als genug Gründe den Konsum von Fleisch, Milch und Co massiv einzuschränken.
Im Zusammenhang mit der hier kürzlich bereits verlinkten Studie, die von feudalen Bedingungen auf südamerikanischen Rinderfarmen und in der angehörigen Industrie berichtete, zeichnet sich ein düsteres Bild der globalisierten Nahrungsmittelindustrie.

Aber auch für Veganer heißt es aufpassen: Die Studie macht recht deutlich, dass Soja eben nicht ausschließlich als Futtermittel genutzt wird, sondern dass ihm eine doppelte Funktion zukommt: das Öl geht zum größten Teil in den menschlichen Verzehr und vor allem im Asialaden findet man auch das ein oder andere GMO-Sojaprodukt.
Viele Firmen können allerdings ausschließen, dass ihr Soja aus einem Anbaugebiet stammt, das mit der Problematik zusammenhängt, einige verwenden sogar ausschließlich europäisches Soja. Hier lohnt sich ein Blick auf die Homepage des jeweiligen Herstellers oder eine gezielte Anfrage per E-Mail. Biosoja scheint zudem tendenziell weniger betroffen zu sein, ganz auszuschließen ist eine Beteiligung aber nicht.

Kommentare:

  1. "Cara lebt seit 20 Jahren vegetarisch und - seit ca 10 Jahren vegan"

    Wow, ist mir bisher gar nicht aufgefallen...<25 hätte ich jetzt getippt :D

    Zum Text: Danke für die Infos, interessant hier auch mal wieder etwas aktuellere Daten zu lesen. Etwas unglücklich finde ich aber die Tabelle auf Seiete 30 mit der "gesunden Diät" ^^ Ist natürlich auch Interpretationssache, worauf man das gesund bezieht, aber es hat auch einen eigenartigen Subtext.

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    1. hm, das ist ein bisschen missverständlich, merke ich eben ;) ich befinde mich schon noch im Bereich um die 25 rum ;) wenn auch ein bisschen drüber...

      ja, ich gebe dir Recht, die Tabelle ist ein wenig unglücklich gewählt, auf der anderen Seite macht die direkt gegenübergestellte tierproduktfreie Ernährung natürlich eine deutlich bessere Figur, die Konsequenz deswegen gleich kompletten Fleischverzicht zu fordern, wird aber ein Verein mit einem solchen Background vorerst nicht ziehen, auch weil für die natürlich nur die Begleitprobleme eine Rolle spielen, während die grauenhaften Zustände in der Tierhaltung eine untergeordnete bis gar keine Rolle spielen.

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  2. Wenn ich jetzt auch noch auf meine alltäglichen und in Unmengen vertilgten (Bio-)Soja-Reis-(Bio-Fairtrade-)Bananen-Shakes verzichten soll, muss ich leider verhungern - das haste jetzt davon!

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    1. kauf den Soja-reis-Drink von Gut und Günstig, der ist mit europäischem Soja ;)

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  3. Ah, Eigenmarke von Edeka, gibt 's sogar in Koblenz ;-) Und 10 Cent billiger als mein heißgeliebter Drink von Netto? Wobei der auch mit dem Siegel "DE-Öko-001 EU-Landwirtschaft" versehen ist ... Klasse Tipp - wenn dieser Drink auch noch schmeckt? Danke Cara :-)

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    1. Ich kauf den von Netto nie, deswegen kann ich dazu nix sagen ;)

      aber der von Edeka ist gut und bisher eine meiner Lieblingspflanzenmilchsorten, Geschmäcker sind ja verschieden, aber ich kann nix schlechtes drüber sagen :)

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