Dienstag, 29. Mai 2012

Weswegen man nie aufhören sollte über Palmöl zu sprechen - ein Statusbericht

Indonesien: 14 000 ha Ölpalmen- in etwa 827 Mal die Fläche des Saarlandes, vor wenigen Jahren noch Urwald.      
Das Copyright liegt bei Wolfgang Baum


Das Thema Palmöl ist derzeit wieder auf dem Rückzug. Vollkommen zu Unrecht.

Als das Thema Palmöl vor etwa einem bis eineinhalb Jahren die Runde in der Blogszene machte, waren viele bestürzt, hatte man doch bis dato hinter pflanzlichen Ölen und Fetten etwas gesundes erwartet, das nebenbei  als nachwachsender Rohstoff auch noch gut für die Natur ist.

Nach Dokumentationen wie "Die Biosprit-Lüge", "Hier bio - dort Tod", "die Nachhaltigkeits-Lüge" oder auch "der Pakt mit dem Panda" war der öffentliche Aufschrei groß. Und auch in der Blogwelt haben sich einige diesem Thema angenommen, so zB Julia von MixxedGreens oder Erbse auf Blanc et Noir wo man die Problematik sehr gut zusammengefasst nachlesen kann.

Ich habe die darauf folgenden Diskussionen mit einigen Firmen verfolgt, viele wurden beispielsweise bei Facebook in die Ecke gedrängt, einige ließen sich auch nach langer und harter Diskussion das Versprechen abnehmen, dass sie künftig ihre Rezepturen ändern würden oder zumindest überprüfen wollten den Palmöl-Anteil bei künftigen Rezepturen zu verringern oder ganz auf andere Rohstoffe zu setzen.

Ein paar Monate später - was ist passiert?


Nach Monaten wage ich ein Fazit: Passiert ist nichts. Selbst die Firmen, die eigentlich zu den Vorreitern in Sachen nachhaltige Entwicklung gehören und sich selbst so inszenieren, scheinen nicht in der Lage zu sein palmölfreie Produkte zu kennzeichnen, von einem Verzicht auf Palmöl und seine Derivate ganz zu schweigen. Es gibt nach wie vor einige wenige Kosmetik- und Nahrungsmittelproduzenten, die in ihrer Produktpalette keinerlei Palmöl verwenden, das Gros der anderen beruft sich auf Nachfrage aber auf eine Zertifizierung durch den RSPO. Allerdings steht selbst der WWF nicht uneingeschränkt hinter diesem Konzept, denn auf seiner Webseite wird zum Thema RSPO erklärt:

"Ein Allheilmittel ist der RSPO  nicht. Er allein kann die Entwaldung in den Tropen nicht stoppen. Dazu braucht es die richtigen Gesetzgebungen, Landnutzungskonzepte und die Ausweisung von Schutzgebieten."

Weitaus drastischer bewertet die Organisation Robin Wood die Lage: 

Von dieser wurde die Zertifizierung erst kürzlich als "gescheitert" verurteilt. Das Gegenteil des Gewollten sei erreicht worden, da der RSPO den Palmölgiganten vor allem als Deckmantel zum Greenwashing diene. Das Resultat der bisherigen RSPO-Politik sei ein Flickenteppich nicht vernetzter Kleinsturwaldrestbestände (High Conversation Value Forest), umgeben von Kahlschlag und Ölpalmenmonokulturen.

Das Problem wird zusätzlich dadurch verschärft, dass man bei bestimmten Produkten kaum mehr eine Wahl hat. Bei veganer Margarine beispielsweise kann man sich lediglich zwischen palmölhaltiger und solcher mit Sojabohnen aus nicht näher bestimmtem brasilianischen Anbaugebieten entscheiden (für Alternativtipps wäre ich dankbar), das ist de facto das gleiche in grün, respektive schwarz. Oftmals ist Palmöl in der Zutatenliste als solches auch nicht zu erkennen, obwohl das vorliegende Produkt einen hohen Anteil Palmölderivat beinhaltet. Drastischer noch sind die Inhaltsstoffe von Kosmetika, bei denen ich mir meist gar nicht zusammenreimen kann, was sich hinter einem Begriff verbergen könnte.

Zwar ist beispielsweise die weiße Liste Palmöl (derzeit nicht erreichbar!) der Borneo Orang Utan Hilfe eine große Erleichterung, spontane Fragen beim Lebensmitteleinkauf beantwortet sie allerdings leider nicht und wer wie ich sein Smartphone häufiger zu Hause lässt, der ist beim Einkauf schnell mal verlassen.

Was tun?

Tatsache ist, dass dieses drängende Problem endlich angegangen werden muss. Fraglich ist aber, was getan werden kann.
Möglich, dass dieser Vorschlag naiv klingt, aber ich hielte es für eine gangbare Lösung die Verleihung von NK-Kosmetiksiegeln von der Palmölfreiheit abhängig zu machen. Der Begriff Naturkosmetik verspricht nicht nur unbelastetes für die Haut sondern auch nicht belastendes für die Natur, ein Versprechen, das Palmöl nicht halten kann.
Eine weitere und auch zusätzliche Option wäre ein Siegel, das die Palmölfreiheit garantiert. Für ein solches Siegel braucht es allerdings natürlich immer eine Organisation, die über die entsprechenden Mittel und Ressourcen verfügt, ein solches Projekt durchzuführen und die diesem auch thematisch nahe steht.

Erweitern möchte ich dies um die Forderungen, die Julia von MixxedGreens in der Kommentarspalte abgegeben hat:
Palmöl muss endlich als das ausgezeichnet werden was es ist. Die Bezeichnung "pflanzliche Öle und Fette" ist nicht ausreichend und sollte künftig spezifiziert werden. Außerdem wäre es eine gangbare Alternative, wenn die INCIS von Kosmetika und Reinigungsmitteln künftig neben dem chemischen Namen auch den Ausgangsstoff benennen müssten, wie das bei manchen Naturkosmetikherstellern bereits üblich ist.

Besonders bedanken möchte ich mich bei Wolfgang, der aktuell in Indonesien ist, um an einem Projekt zum Thema sustainable forest managment zu arbeiten und dessen Foto ich verwenden durfte. Danke dafür und für eure wertvolle Arbeit vor Ort!



Weiterführende aktuelle Meldungen zum Thema Palmöl:

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-05/indonesien-brandrodung
http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-03/offener-brief-palmoel

WILMA plant aktuell großflächige Kahlschläge in Indonesien:

http://www.robinwood.de/Newsdetails.13+M5336a3ff3be.0.html



Da das Thema WWF immer wieder aufgegriffen wird, möchte ich gerne einen Blogartikel verlinken, der sich mit dem Thema differenziert auseinandersetzt:

http://www.scienceblogs.de/evolvimus/2011/07/wwf-aus-der-sicht-des-boulevardjournalismus.php



Kommentare:

  1. Toller Text, vielen Dank, dass du eine der wenigen bist, die dieses Thema immer und immer wieder zur Sprache bringen!
    Ich stimme dir auch vollkommen in deiner Forderung nach einem Siegel für Palmölfreiheit zu! Für den Anfang würde es mir jedoch ausreichen, wenn Hersteller, gerade bei Kosmetik, dazu verpflichtet wären, die Inhaltsstoffe in deutscher Sprache auf die Packung zu drucken, so wie das z.B. schon bei manchen Naturkosmetikherstellern der Fall ist. Außerdem spreche ich mich klar dafür aus, dass Derivate von Palmöl sowie die Bezeichnung "Pflanzliche Öle/Fette" spezifiziert werden müssen, von mir aus auch "nur" in einer Fußnote, noch lieber natürlich mit dem Verweis "aus Palmöl" o.ä. Als umweltbewusster Konsument muss ich die Wahl haben, Produkte mit Palmöl nicht zu kaufen!
    Die App Codecheck ist glaub ich als Einkaufshilfe ganz gut....Aber da ich kein Smartphone besitze, kann ich dir leider auch nicht sagen, wie groß die Datenbank ist, mit der Codecheck arbeitet.
    Was die Margarine betrifft, kann ich dir leider auch keinen Tipp geben. :( Generell finde ich es erschreckend, in wievielen Produkten Palmöl drin ist! Ich habe bei meinem Artikel über Nachhaltigkeit im Badezimmer gemerkt, dass ich selbst immer noch Kosmetika mit Palmöl im Bad stehen habe, und das, obwohl ich kein klassisches Duschgel und keine klassische Bodylotion und nur noch Shampoo eines bestimmten, palmölfreien Kosmetikherstellers verwende...

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    1. Danke für die Blumen, liebe Julia

      Da habe ich beim schreiben gar nicht dran gedacht. Der Vollständigkeit halber ergänze ich deine wirklich guten Vorschläge :)

      Mir geht es ja nicht anders und bei vielen Sachen wie zB Reinigungsmitteln bin ich froh genug, wenn ich etwas finde, das vegan ist, denn auch da bin ich mit dem Lesen der Inhaltsstoffe mehr als überfordert.
      Mündige Verbraucher brauchen klar und deutlich ausgezeichnete Informationen. Es kann doch nicht angehen, dass ich bei Dingen die ich für den täglichen Bedarf benötige nicht ansatzweise nachvollziehen kann, aus was sie hergestellt werden.

      Ich hab ein uraltes Smartphone, das unter einem Betriebssystem läuft, das kein Codecheck kann, deswegen kann ich dir leider nicht sagen, wie nützlich die App wirklich ist.

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  2. *seufz* letztens erst hab ich versucht rauszufinden, welche der balea-produkte palmölfrei sind und die deprimierende erkenntnis war, dass in ALLEN die irgendeine pflegewirkung haben, palmöl versteckt ist. leider scheint es bei kosmetik nicht wirklich eine alternative zu geben; es sei denn man möchte exklusiv (=teuer) bei ein paar online-anbietern bestellen. einzig lush kommt für mich da in frage; 70% derer produkte sind palmölfrei, das shampoo was ich von denen habe glücklicherweise auch.
    vegan ist ja inzwischen relativ einfach; es gibt eine große produktpalette auch zu erschwinglichen preisen, und nahezu alles findet man in einer veganen variante. da steckt das palmöl noch in den kinderschuhen :-(

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    1. vor allem die Schnittmenge vegan + palmölfrei ist leider immer noch sehr klein...
      Ich hab ja die naive Hoffnung, dass irgendwann mal ein großer Konzern auf die Idee kommt das Thema für sich zu nutzen (hatte da an eine bestimmte Drogeriemarktkette gedacht...) und der Rest dann hinterherspringt, aber ich fürchte so schnell wird das nicht passieren.

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  3. Nur so am Rande: Der WWF ist beim Thema Palmöl vielleicht sowieso nicht ganz so vertrauenswürdig, s. die Dokumentation "Der Pakt mit dem Panda".

    Ansonsten bin ich neulich auch wieder über das Thema gestolpert und möchte jetzt zumindest mal versuchen, Seife und Flüssigseife rein aus Rapsöl herzustellen. Allerdings könnte das mit einem flüssigen Fett schwierig werden. Kokosfett ist, abgesehen vom weiten Transportweg, aber unproblematisch, oder?

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    1. Zum WWF: Deswegen hab ich das oben ja auch verlinkt. Ich will mir da aber über den WWF kein abschließendes Urteil erlauben, denn der WWf ist als Großwildjägerverein zwar sowieso eine Organisation der ich ein bisschen skeptisch gegenüberstehe, trotzdem war die damals ausgestrahlte Doku vielleicht ein bisschen drüber, was die Vorwürfe angeht, zumindest wenn man der Stellungname des WWF dazu Glauben schenken darf oder die Wahrheit irgendwo in der Mitte sucht.
      Dass der WWF allerdings selbst bereits mehrmals deutlich kommuniziert hat, dass der RSPO lediglich besser wäre als die Alternative, denn da würden keinerlei Ausgleichsgebiete geschaffen werden, ist etwas was mir in der Diskussion mit Unternehmen, die sich auf eine Zertifizierung ihres Palmöls berufen immer zu kurz kommt.

      Um ehrlich zu sein bin ich mir bei Kokosöl gar nicht so sicher, inwieweit Kokosöl besser ist als Palmöl, ich erinnere mich gelesen zu haben, dass aufrgund der Wuchsform von Kokospalmen eine nachhaltigere Landwirtschaft betrieben wird, da die Plantagen zusätzlich zum Anbau anderer Lebensmittel genützt würden und deswegen keine Monokulturen entstünden. Allerdings hatte ich vor einiger Zeit auch mal von Hybrid-Doppelnutzungspalmen gelesen, dazu hatte ich aber nur eine Quelle gefunden, insofern weiß ich nicht wie sehr man dem Glauben schenken darf.
      Wolfgang (der von dem ich das Foto habe) wird aber eventuell in den nächsten Wochen einen Gastpost hier veröffentlichen, ich kann ihn bitten die Thematik anzusprechen, immerhin ist er darin mittlerweile Experte.

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  4. Ich finde es toll, dass du nochmal auf die Problematik aufmerksam machst, die Gefahr ist leider wirklich groß, dass das Ganze sonst schnell wieder in der Versenkung verschwindet, ich muss zugeben, dass ich das selber auch wieder ganz gut verdrängt hatte, weil es halt manchmal einfach superanstregend wird beim Einkaufen und dann neigt man dazu, sowas wegzuschieben, was falsch ist. Insofern danke für den guten Beitrag.

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    1. Ich neige selbst dazu das zu verdrängen weil Palmölverzicht einfach so schwierig in der Umsetzung ist...

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  5. Danke fürs verlinken, Cara. :)
    Ich packe deinen Artikel gleich mal in den Anhang von meinem als weiterführender Link.
    LG

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  6. Ohne weiteren Kommentar: http://claudigoesvegan.blogspot.de/2012/06/vom-wwf-pinken-saft-cashewase-20-und.html

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    1. ja, der WWF :/
      Ich habs ja nicht so mit Großwildjägern, oder Kleinwildjägern oder Umweltverbänden, die bei dem Versuch einen industriegerechten Umweltschutz zu erwirken ein bisschen über das Ziel hinauszuschießen scheinen.
      Im Zweifelsfall schreibe ich über den WWF auch lieber nichts, weil ich da keine allzu gute meinung von habe.

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    2. Wir sind uns ja wieder mal so was von einig ... :-) <3

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