Donnerstag, 1. November 2012

Weltvegantag - Meine 10 Gründe dafür gerne vegan zu leben

Nicht nur ist heute, wie jedes Jahr am 1. November, Weltvegantag, gestern fiel mir auch zufällig auf, dass mein 200. Post ansteht. Nun bin ich eigentlich nicht der große Fan von Jubiläen und neige dazu über diejenigen, die runden Zahlen eine besondere Bedeutung beimessen, müde zu lächeln, allerdings wollte ich den Post sowieso schon seit einiger Zeit schreiben, deswegen nutze ich diese Gelegenheit jetzt für meine Liebeserklärung ans vegane Leben. Von nervigen Nachbarn, ätzenden Kellnern und überall enthaltenem Milchzucker liest man auf Blogs ja oft genug, das ist aber bei weitem nicht alles was das vegane Leben zu bieten hat. Und da zum Thema vegan werden schon genug gesagt worden ist, kommen hier meine wichtigsten 10 Gründe um vegan zu bleiben: 




1. Diversität entdecken

Durch die Umstellung auf eine vegane Ernährung habe ich viele Nahrungsmittel für mich entdeckt, die für die meisten als exotisch gelten. Um unbekannte Obst- und Gemüsesorten zu finden muss ich mittlerweile schon in den Asialaden oder auf den Wochenmarkt gehen (hier gibt es ein paar Anbieter die alte Sorten kultivieren, da ist dann doch manchmal eine Überraschung dabei). Wenn es um vegane Speisen aus aller Welt geht bin ich mit die erste die probieren möchte nd es auch versucht, nicht alles schmeckt mir, aber ich habe meinen Speiseplan mit einer Menge Lebensmittel und Zubereitungsarten erweitert, auf die ich bestimmt nicht gekommen wäre, wenn ich mich nicht vegan ernähren würde. Das fängt schon an bei den verschiedenen Milchsorten, ich habe mich von der Standardsojamilch mittlerweile über mehrere Nuss- und Getreidemilchsorten probiert, wenn man dann noch bedenkt, dass es das noch als Mischung gibt, ist für jeden Geschmack und jede Bedürfnis was dabei. Egal ob Rambutan, Portulak, verschiedene Kürbissorten oder Tempeh, die Welt des veganen Essens ist bunt und vielfältig. Und es gibt noch soviel mehr, das sich zu entdecken lohnt!

2. Positiv überrascht werden

Den missmutigen Kellner und den belustigt dreinblickenden Onkel auf der Familienfeier kennt wohl jeder Veganer, allerdings gibt es auch das Gegenteil, nämlich den Arzt, dem man, schon auf eine Standpauke gefasst, seine Ernhährungsgewohnheiten berichtet und der statt irreale Warnungen von sich zu geben Interesse zeigt und erkärt, dass er das Ernährungskonzept voll unterstütze. Oder auch die lose Bekannte, die sich nach mehreren Monaten als Veggie zu erkennen gibt. Die Kekse, die man als Kind so gern gegessen hat, die tatsächlich vegan sind oder auch auf einmal mit einem Überangebot veganer Aternativen im Supermarkt überrascht zu werden, weil sich der Filialleiter die Nachfrage zu Herzen genommen hat.
Wer jetzt vegan wird, kann sich vielleicht gar nicht mehr so recht vorstellen, dass vor ein paar Jahren eine vegane Alternative auf einer Speisekarte noch eine Sensation war, die man nicht so recht glauben konnte, dass Tofu oder Veggie-Bolognese im Glas vielleicht in dem allerentlegendsten Reformhaus am Ende der Stadt vorrätig waren und dass man sebst im ökolastigsten Bioladen von der Verkäuferin äußerst kritisch gemustert wurde, wenn man eine der zwei Sojamilchsorten aufs Band legte.
Trotzdem ist es auch heute jedes Mal wieder ein kleines Glücksgefühl, wenn man etwas veganes entdeckt.

3. Das Outing sortiert zuverlässig die Vollspaten aus dem Freundeskreis aus - garantiert

Für viele mag das nicht wie ein positiver Punkt klingen, aber wer sich im Bekanntenkreis als Veganer outet, kann damit ziemlich zuverlässig jede intolerante und von sich selbst eingenommene Person eliminieren und das innerhalb kurzer Zeit. Bei mir wars um keinen schade, eigentlich handelte es sich nämlich sowieso lediglich um diejenigen, die mir mit ihrer Art schon mehrmals auf die Nerven gefallen sind.

4. Einblick in vorgebliche Normalitäten

Ich kenne nicht viele Menschen, die die Herkunft jedes Produkts hinterfragen und wissen wollen unter welchen Bedingunegn es hergestellt wurde und zu welchem Preis. Tatsächlich sind die meisten davon Veganer. Die traurige Konsequenz: Die Herkunft der meisten Konsumgüter ist dem Großteil der Menschen schlicht nicht bewusst, bestenfalls ist verkürztes Halbwissen vorhanden und genauso wird auch konsumiert. Die Beschäftigung mit Produktionsbedingungen, mit Ausbeutungsstrukturen und den Folgen ist etwas, was durch die Entscheidung vegan zu leben ein Gesicht bekommt. Anfangs sind es vielleicht die Kälbchen oder Küken, die einen animieren sich mit dem 'woher' auseinanderzusetzen, wenig später aber begreift man, dass die Ausmaße ganz andere sind, man liest von feudalen Bedingungen bei der Sojaproduktion in Südamerika, von Sklavenhaltung für Genussmittel in Afrika und von Löhnen für die Herstellung von Wohlstandsschrott, die so niedrig sind, dass die Arbeitnehmer nichtmal eine menschenwürdige Unterkunft, geschweige denn ausreichend Nahrungsmittel erwirtschaften können. Vegan ist der Einstieg, um hinter die Maske des Kapitalismus zu blicken und der Ausgangspunkt um festzustellen, dass nicht nur traurige Kälbchen und gequälte Testkaninchen Verlierer unseres durch Geburt erworbenen Wohlstandes sind.

5. Abenteuerurlaub

Für mich ist jede Fahrt in eine neue Stadt oder gar ein neues Land anstrengend. Ich kann nicht einfach in ein x-beliebiges Restaurant gehen und blind aufs Menü tippen, in der Hoffnung nicht die Getränkekarte erwischt zu haben, stattdessen ist immer gleich ein rudimentärer Wortschatz erforderlich, anhand dem ich meinem Gegenüber klarmachen kann, was okay wäre und was nicht.
Aber selbst innerhalb Deutschlands gestaltet sich das Essen gehen schwierig, gut ich muss zugeben, dass sich das in den letzten 1-2 Jahren deutlich verbessert hat und da nun mittlerweile jede mittelgroße Cafékette wahlweise auch Sojamilch anbietet, kommt man mittlerweile recht gut über den Tag, außerdem hat sich der Informationsfluss dank dem Internet erheblich verbessert, trotzdem ist es noch immer spannend, spätestens wenn Plan A fehlschlägt und man improvisieren muss, muss man oftsmal zu Plan C-D greifen. Ich stöbere in anderen Städten mittlerweile auch gerne auf Märkten, in Spezialitätenläden oder im Bioladen, meistens komme ich dann auch mit einer interessanten Entdeckung nach Hause und nachdem sich im Bio- und Veggiesektor derzeit sowieso einiges tut, bietet es sich an, mit offenen Augen durch fremde Städte zu laufen, oft findet man ganz zufällig genau das, was man schon seit Jahren gesucht hat.

6. Neue Leute kennenlernen

Man kann von der veganen Szene halten was man will, Veggietum verbindet. Ich würde nicht soweit gehen zu sagen, dass jeder Veggie bei mir gleich einen Stein im Brett hat, aber zumindest ein Grundstein für ein spannendes Gespräch ist gelegt. Über das vegane Bloggen bin ich mittlerweile auch mit vielen Veggies außerhalb Deutschands in Verbindung gekommen, tolle Leute, die ich sonst niemals kennenlernen hätte dürfen und die mir einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen. Aber auch im eigenen Land, egal ob übers Internet oder bei Stammtischen... selbst meine Bekannten und Freunde machen mittlerweile mit und stellen mir ihnen bekannte Veganer vor. (Auch wenn ich den Exotenstatus noch immer seltsam finde)
Man muss nicht jeden mögen der auch vegan lebt, wenn ich mir die einschlägigen Facebookgruppen so ansehe, dann möchte ich da auch bei weitem nicht ale kennenlernen müssen, aber ich bin eine kommunikative Person und freue mich immer über neue Bekanntschaften, auch wenn sich daraus nicht zwangsläufig mehr entwickelt, so hat man doch zumindest schonmal einen guten Start.

7. Nach den eigenen Maximen leben - soweit wie möglich

Gründe vegan zu werden gibt es viele, meistens sind es die gleichen oder zumindest ähnliche Gründe vegan bleiben zu wollen. Ich denke irgendwann im Leben muss jeder seine eigenen Prinzipien erkennen, seine Ethik finden und entscheiden, wie er sie auch umsetzen kann. Für mich war eigentlich schon immer klar, dass ich meine eigene Existenz nicht als so wichtig erachte, mich selbst nicht für so großartig und notwendig, dass ich mir das Recht herausnehmen möchte für so unwichtige Dinge wie Bequemlichkeit oder Genuss derart invasiv in ein anderes Leben einzuwirken. Für jemanden wie mich, der schon dem Töten eines Wildtieres ablehnend gegenübersteht, war es also eigentlich nur folgerichtig auch der industriellen Ausbeutung entschieden entgegen treten zu wollen.
Wir mögen nicht alle den gleichen ethischen Prinzipien folgen, manche haben auch andere Gründe bewogen vegan zu werden und vielleicht gibt es sogar ethische Anschauungen, mit denen man Nutztierhaltung begründen und als vertretbar klassifizieren kann, trotzdem halte ich es für notwendig seine Prämissen zu erkennen, sich intensiv mit der eigenen Moralvorstellung auseinanderzusetzen und schlussendlich danach zu handeln. Für mich ist vegan zu leben Ausdruck meiner tiefsten moralischen und ethischen Überzeugungen, insofern nichts großartiges oder etwas was Lob und Zupruch verdient, sondern eine Notwendigkeit und ich bin froh den Schritt getan zu haben.




8. Herausforderungen annehmen

Wenn man vegan lebt, lernt man eines recht schnell kennen. Verzicht. Ob es nun die schicken Lederstiefel sind oder die Pizza mit vier Käsesorten. Den meisten -und da bilde ich keine Ausnahme- fällt es zumindest anfangs schwer vegan zu leben und auf Dinge zu verzichten, die man zuvor als selbstverständlichen Teil seiner Lebenswelt angesehen hat. Entschuldigungen dafür, weswegen man jetzt eben mal nicht konsequent sein möchte findet man schnell. umso befriedigender ist es aber, wenn man irgendwann mal den Punkt erreicht hat, an dem man sich selbst dazu bringt den Kreis sicherer Gewohnheiten zu verlassen und sich aktiv auf die Suche nach Alternativen macht.
Die meisten Fragen sind  schon gestellt worden und mittlerweile sind die Möglichkeiten sich zu informieren gigantisch, es gibt Datenbanken, Linksammlungen, Diskussionen in Foren und Empfehlungen auf Blogs. Egal welche Allergien und Intoleranzen ich habe, ob ich eine spezifische Länderküche herbeizaubern soll oder wegen anderer Einschränkungen auf verschiedenstes achten muss, irgendjemand hat dazu schon ein Kochbuch veröffentlicht und es gibt bestimmt eine handvoll Blogs zu dem Thema.
Irgendwann erreicht man den Punkt, an dem man statt über den Verlust der Bequemlichkeit des alten Lebens zu jammern einfach mal wild drauflosstürmt und feststellt, dass es für die meisten Probleme mittlerweile eine mehr als zufriedenstellende Lösung gibt, dass es Menschen gibt, die bereits mit ähnlichem zu kämpfen hatten und kreativ geworden sind und dass man mit Kreativität und Hingabe so manche Probleme einfach lösen kann. Und auch wenn das vielleicht auf den ersten Blick so klingt, als hätte das in einer solchen Liste nichts veroren, es ermöglicht einem immer wieder ein kleines Stück über sich hinauszuwachsen, ein bisschen zu hinterfragen, ob die Bedürfnisse die man meint zu haben tatsächlich real sind und vor allem auch sich selbst weiterzuentwickeln.

9. kleine Gimmicks

Vegan zu leben ist eigentlich ein Vollzeitjob, das liegt auch daran, dass es mittlerweile Unmengen kleiner Projekte gibt, die einem das vegane Leben versüßen. Ob es nun das traditionelle Weihnachtswichteln ist (mittlerweile gibt es ja mehrere davon), Facebookgruppen, in denen man selbstgemachtes oder schwer erhältliches ertauschen kann, die vegane Blogszene oder auch größere internationale Veranstaltungen wie der Vegan Month of Food - im Umfeld des Veganismus tummeln sich massenweise kreative Köpfe, die immer wieder besondere Ideen haben, mit denen man sich das Leben gegenseitig ein wenig angenehmer gestalten kann.

10. Genuss

Vegan zu leben ermöglicht einem vieles, für mich war es aber vor allem auch ein neuer, anderer Umgang mit Lebensmitteln; ich habe oben schon erwähnt, dass ich dadurch vieles kennengelernt habe, aber es ist auch nur mehr: für mich hat sich mit dem veganen Leben eine ganz neue Genusswelt aufgetan, ich habe neue Gewürzkompositionen versucht, ausgefallene Rezepte probiert und auch durch die Vernetzung mit der internationalen Bloggerszene habe ich Geschmäcker kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte.
In den meisten Veganern stecken kleine Köche, wenn man sie erstmal herausfordert lesen und lernen sie sehr schnell. Ich wage zu behaupten, dass keine andere Subkultur so nah mit Essen und Genuss verknüpft ist wie die vegane und so findet man auf jedem Veganertreffen hervorragende Cupcakes, Muffins und Snacks. Bei gemeinsamen Veranstaltungen versucht jeder mit seinen beliebtesten Rezepten aufzutrumpfen und wenn jemand in meinem Freundeskreis etwas zum naschen mitbringt, dann wars bestimmt ein Veggie der mal wieder ein neues Keks- oder Kuchenrezept ausprobieren wollte.
Ich glaube die meisten Veganer entdecken das Essen vollkommen neu: man setzt sich auf einmal mit geschmacksgebenden Komponenten auseinander, lernt Essen ganz neu kennen und erlernt eine neue Geschmacksvielfalt, klar dass die logische Konsequenz das selbst ausprobieren wollen ist. Wie oft hat man die Möglichkeit etwas vollkommen gewöhnliches neu zu entdecken?
Außerdem: veganer Kuchen schmeckt gleich doppelt so gut, weil er eben nicht selbstverständlich ist; vor allem außerhalb ist und bleibt er eine kleine Besonderheit und macht ihn gerade deshalb zu einer besonders genussvollen Delikatesse. 

Kommentare:

  1. Wunderschöner Beitrag! Den sollte man immer wieder lesen, wenn man gerade mal schlecht gelaunt ist :)

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  2. Ein wunderschöner Post, wirklich <3

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  3. "Das Outing sortiert zuverlässig die Vollspaten aus dem Freundeskreis aus - garantiert" - das kann ich mal sowas von unterschreiben :D aber schade ists um keinen, das stimmt!

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    1. man muss die Dinge ja mal beim Namen nennen ;)

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  4. Toll geschrieben, kann ich unterschreiben. :-)

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    1. schön, dass wir ähnliche Erfhrungen gemacht haben :)

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  5. Ich muss ja gestehen, dass ich der Typ Blog-Leser bin, der längere Posts überfliegt statt zu lesen. Bei diesem habe ich jedes einzelne Wort gelesen. Gefällt mir gut, gefällt mir sehr gut und bei Punkt 3 musste ich recht herzhaft lachen. :-)

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    1. geht mir auch meistens so, insofern weiß ich das Kompliment wirklich zu würdigen! danke dir :)

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  6. Ich finde deine Gründe toll! Schöner Beitrag, war eine grosse Freude zu lesen. :)

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    1. es war mir eine Freude ihn zu teilen :)

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  7. Toller Blogpost.

    Dem:
    "Vegan ist der Einstieg, um hinter die Maske des Kapitalismus zu blicken und der Ausgangspunkt um festzustellen, dass nicht nur traurige Kälbchen und gequälte Testkaninchen Verlierer unseres durch Geburt erworbenen Wohlstandes sind."

    kann ich absolut nur zustimmen. Das war bei mir auch so.

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