Donnerstag, 8. August 2013

Veggie-Tag! Ein Angriff auf die individuelle Freiheit?

Das aktuelle Sommerlochthema zum Wahlkampf scheint gefunden. Die Grünen haben ihr Wahlprogramm mit der Forderung nach einem "Veggie-Tag" veröffentlicht und damit einen weitreichenden Proteststurm losgetreten. Die Reaktionen reichen von ungläubigem Kopfschütteln, über die reflexartigen "Ökospinner" und "Gutmenschen"-Rufe, vornehmlich aus dem "liberal"-konservativ-rechtslastigen Lager, bishin zu Nazivergleichen.

Und schon sieht man sich in den Kommentaren und Artikeln zu dem Thema wieder der üblichen Rechtfertigungsschleife ausgesetzt - Klima, Tierwohl, Welthunger. Mit den immer gleichen Argumenten wird für Verständnis dafür geworben, dass ein solcher Vorstoß ja nicht böse oder unfreundlich oder freiheitsbeschneidend gemeint wäre, sondern lediglich dem Gemeinwohl diene. Aber ist das Problem denn nicht ein anderes? Die Phrasendrescherei beider Kontrahenten hat sich in den letzten Monaten, spätestens seit Foer und Douve, eigentlich immer wieder nur im Kreis gedreht - beide Seiten tragen die immer gleichen Argumente vor und reden dabei offensichtlich am anderen vorbei, denn wo der eine mit Freiheit und Sinneslust, bzw. deren Beschneidung und Verteufelung argumentiert, kontert die Gegenseite mit altruistischen und gesundheitsbezogenen Motiven.

Aber, um mal beim konkreten Thema zu bleiben, ist dieser Aufstand denn wirklich nötig? Man sollte sich die Diskussion von einem etwas weniger emotionalen Standpunkt aus ansehen und nach kurzem durchatmen kurz darüber nachdenken was hier eigentlich gefordert oder vielmehr vorgeschlagen wird: Mensen, Kantinen und Co soll ein Anreiz dafür geboten werden einen Tag in der Woche fleischfrei zu gestalten. Das heißt nicht, dass es eine irgendwie geartete Verpflichtung dazu geben muss, aber das heißt, um das weiter zu konkretisieren, noch nicht einmal, dass irgendjemand an einem Tag in der Woche gezwungen wird eine vegetarische Mahlzeit einzunehmen, denn Kantinenessen ist kein Zwang und den meisten steht es frei sich anderweitig zu versorgen oder das Würstchen für den obligatorischen Eintopf eben von daheim mitzubringen, falls die Kantine wirklich alternativlos sein sollte. Es heißt erst recht nicht, dass ein ganzer Tag die Woche fleischfrei bleiben muss. Vielmehr geht es um ein Essen an einem Tag in der Woche.
Die Diskussion verkennt außerdem, dass in öffentlichen Einrichtungen immer und zu jeder Zeit für einen selbst entschieden wird was er isst oder auch nicht, denn das Angebot ist immer limitiert, aber keiner käme auf die Idee einen Angriff auf die FDGO zu wittern, nur weil es an einem Tag der Woche standardmäßig keine Nudeln zur Auswahl gibt.
Das reflexartige Gegeifere der Massen, die befürchten die bösen Grünen könnten ihnen ihr Fleisch vom Teller stehlen ist vor diesem Hintergrund vollkommen übertrieben, es ist vor allem übertrieben wenn man bedenkt, dass man an jeder Ecke und bei jedem Bäcker eine fleischhaltige Mahlzeit bekommt, wenn man denn Wert darauf legt. Es geht nicht ums verbieten, sondern darum dass Bewusstsein geschaffen werden soll, für die ganzen Probleme die immer und immer wieder in diversen Artikeln und Diskussionen auf den Tisch geworfen werden und um die jeder halbwegs informierte Mensch weiß. Ob er dann am Veggie-Tag der Kantine fern bleibt oder sich nicht doch zu einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße überzeugen lässt, bleibt ihm selbst überlassen.

Ich bin kein Grünen-Wähler aber der Vorwurf, dass die Grünen irgendjemandem das Fleisch verbieten wollen ist absurd. Der Großteil der Deutschen möchte weniger Fleisch essen und ein Veggie-Tag in Kantinen könnte hier eine willkommene Abwechslung und Unterstützung bieten, vorausgesetzt die Köche werden entsprechend geschult und bieten nicht die immer gleichen drei Gerichte oder setzen einem (wie man es als Nicht-Fleischesser auch oft genug erlebt hat) einen ungewürzten Block Tofu vor. Es gibt, auch wenn in den aktuell geführten Diskussionen oftmals lakonisch etwas anderes behauptet wird, durchaus auch für Fleischesser schmackhafte vegetarische Gerichte - vollkommen ohne sonderbare Zutaten wie Tofu oder Seitan, selbst die deutsche Küche bietet einige leckere Klassiker die vollkommen ohne Fleisch auskommen.

Es geht bei dieser Diskussion doch auch schon lange um vielmehr als nur um Fleisch oder Nicht-Fleisch, respektive Geschmack. Ansonsten müssten ähnliche Proteststürme losbrechen wenn mal ein Kartoffel- oder Pommes-freier Tag vorgeschlagen würde, aber die darunter liegende Diskussion ist eine andere und sie ist auf Dauer eine, der wir uns wohl stellen müssen. Durch panikartige Reaktionen auf Vorstöße a la Veggietag wird die Diskussion aber nicht verschwinden, so wie sie nicht durch Kommentare, die verordneten Veganismus für alle fordern, aus der Welt geschafft werden wird. Die größten und intensivsten Kritker kommen, scheint mir, aus dem liberal-libertären Lager, sie argumentieren mit einem Freiheitsbegriff, der in meinen Augen lediglich Konsum-Freiheit heißen dürfte. Dahinter verbirgt sich der dringende Wunsch nicht in dem beschnitten zu werden was man tun möchte, bw. sowieso schon tut und bitte nicht mit Hintergrundinformationen zu den Themen belästigt zu werden. Aber der liberale Gedanke sollte auf einem ganz anderen Menschenbild fußen: auf Personen, die Entscheidungen nicht nur aus dem Bauch und aus Hedonismus heraus treffen, sondern vor allem aus moralischen Überzeugungen, aus einem klugen Abwägen nicht nur zwischen Alternativen, sondern eben auch aus den Folgen der eigenen Handlungen. Den schönsten Freiheitsbegriff hat wohl Michael Ede in der Unendlichen Geschichte geprägt. Nicht "tu WAS du willst" sondern "tu was du WILLST" und dieses Element des Wollens umschließt eben mehr als nur den eigenen Vorteil, es beinhaltet auch Abwägungen darüber wie eigene Handlungen ausstrahlen. Und hier bleibt nur die Frage stehen, ob diese Abwehrhaltung nicht lediglich ein Beharren auf einer Position ist, die sich lediglich wünscht nicht über die Folgen der eigenen Entscheidungen und Verhalten aufgeklärt zu werden - uninformierte Genusssucht ohne Rücksicht auf Verluste - und ob das große Wort "Freiheit" nicht nur als eine Art Schutzschild missbraucht wird, weil in seinem Windschatten so viele Ängste und Emotionen mitschwingen.

Das erschreckende hierbei ist aber eigentlich, dass gerade die hier in Gefahr gesehene Freiheit die gleichen politischen Akteure in keiner Weise zu einer ähnlich drastischen Reaktion herausgefordert hat, als es um den kürzlich bekannt gewordenen Abhör-Skandal ging. Oder um es mit den Worten eines Kommentators bei Zeit Online zu sagen: "Mir egal ob man meine Post durchsucht, Hauptsache ich kann weiter Wurst grillen".

Kommentare:

  1. Ich meide viele Medien aber habe in der Tagesschau letztens zufällig einen beitrag darüber gesehen. Meine Gefühle dazu hast du sehr gut beschrieben. Gerade weil die Reaktionen darauf eben nicht eine antwort darauf waren dass es in einer kantine einmal in der woche nur vegetarisches essen gebe, sondern als würde es sich um ein Fleischess-Verbot handeln. Diese Panik die entsteht wenn eine Partie nur mal über kleine Schritte nachdenken zu wagt. Das ist wirklich sehr deprimierend.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ja, so gehts mir auch, ich finds mehr als schade, dass man nich sachlich mit dem Thema umgehen kann und sofort wieder der Veggie vs Fleischesser- Krieg auf dem Programm steht...

      Löschen
  2. Hallo Cara,
    eine echt gute Stellungnahme, die auch meine Einschätzung trifft! Ich finde gut, dass Du so sachlich und ruhig argumentierst. Wenn man sich die Debatte in den Leserkommentaren durchliest, dann ist das alles doch recht polemisch und aggressiv. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob es das Sommerlochthema der Grünen oder 'der Medien' ist.
    Viele Grüße, Marzipani

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Angesichts der Tatsache, dass die Grünen das schon seit Jahren in ihrem Programm stehen haben und die Bild es jetzt erst ausgegraben hat nehm ich fast an dass das eher deren Aufreger-Thema ist. Und die hält mit der selten-dummen Schlagzeile ein Stöckchen hin und alle anderen Medien springen drüber - schon peinlich.

      Löschen
    2. Ich les Deine Antwort erst jetzt - aber den Eindruck hatte ich auch. Die Grünen empfehlen das ja schon seit längerem. Ich muss aber sagen, dass es mich immer ein wenig gewundert hat, dass sich da nie jemand so richtig laut drüber aufgeregt hat.

      Löschen
  3. Danke für den Blogbeitrag, er ist sehr gut geschrieben!

    AntwortenLöschen
  4. Das ist alles schon Wahlkampf, leider. Schlimm finde ich auch, dass die BILD wieder bestimmt, über was wir diskutieren sollen und worüber andere Medien zu schreiben haben. Und ja, die Meisten haben scheinbar mehr Angst vorm Veggie-Day als vor der Überwachung, verrückte Welt :(

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. aber wo kämen wir denn auch hin wenn nicht die Bild zu entscheiden hätte wer künftig dieses Land regiert ;)

      Löschen
  5. Typisch Grüne: Einmal vor dem Wahlkampf heiße Luft absondern um sich die Stimmen von ein paar Öko-Dummchen zu sichern. Ist aber irre praktisch, wenn man sowas von sich geben kann wo dann ein beachtlicher Teil der Vegetarier Beifall klatscht, man hinterher bei einem eventuellen Wahlsieg dann aber guten Gewissens sagen kann, dass man es doch nicht durchziehen kann, weil ja die bösen Fleischfresser so arg protestieren.

    Dass so ein Tag wohl kaum Denkanstoß sein dürfte oder auf sonst eine Art und Weise wirklich sinnvoll wäre ist da erst das zweite Thema. Das ist wie mit den Kippen: Wer liest denn schon die Warnhinweise? Und selbst wenn sie gelesen werden, welchen Raucher halten sie vom Rauchen ab? An einem solchen Tag wird ein Teil das Essen einfach konsumieren, wie sie an anderen Tagen auch ohne sich Gedanken um Fleisch/kein Fleisch gemacht haben das fleischfreie Essen bestellt haben. Andere werden sich eben ihr Würstchen mitbringen oder wo anders essen. Dann gibt es noch ein paar die sich lautstark aufregen. Gewonnen ist damit... überhaupt nichts, außer ein paar Leuten die nun beim Schnitzel essen fies grinsen.

    Gerade die Grünen sind aber schon lang genug mit in der Regierung und hätten schon längst sinnvollere Eingriffe vornehmen können. Massentierhaltung, Tiertransporte, Schlachthof-Standards... überall würde es Sinn machen mit nem Vorschlaghammer die Gesetze umzukrempeln. Dadurch würden die Fleischpreise nach oben gehen, weg vom Billigprodukt, hin zum Luxus und der Fleischkonsum würde automatisch zurückgehen während es den verbleibenden Tieren deutlich besser ginge. Wieso wird das denn nicht zum Schlachtruf der Grünen? Ach, hat da jemand "Lobby" gesagt?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir steht es nicht so die Grünen zu verteidigen, ich gebe dir auch bei deinem letzten Absatz relativ uneingeschränkt recht, allerdings scheint dieser Wahlkampfklamauk nicht von den Grünen sondern von der Zeitung mit den vier großen Buchstaben auszugehen. Der Veggie-Tag ist bei den Grünen ein relativ alter Hut und ich glaube die Lobby der Veggies ist so interessant nicht, als dass man mit sonem Reizthema ernsthaft Punkte holen wollen würde:
      http://www.stefan-niggemeier.de/blog/veggie-day-wie-man-aus-alten-fleischabfaellen-der-bild-zeitung-nachrichten-macht/

      Ich persönlich halte den Veggie-Tag nun auch nicht für den heiligen Gral des Fleischverzichts. Tatsächlich habe ich lange in einer Kantine gegessen, die einen fleischfreien Tag auf dem Programm hatte (das lag eher daran, dass die Küchenchefin fürchterlich fromm war und den Freitag deswegen fleischfrei gehalten hat) - ohne die Ansage, dass das jetzt Veggie-Tag sein soll war das aber weder Denkanstoß noch Reizthema.

      Viel sinniger würde ich es finden, wenn (vor allem) Kantinenköche geschult würden was vegetarische Alternativen angeht und damit die fleischfreien Gerichte nicht länger als solche zweiter Klasse angesehen würden. Das hatte unsere Kantine beispielsweise ziemlich gut drauf, leider guckten die Veggies dann öfter mal in die Röhre weil die vegetarische Alternative schon aus war. Oder wenn die Auswahl verändert würde, es spräche nun auch nichts dagegen nicht drei fleischhaltige und ein fleischloses sondern 50:50 auf die Karte zu nehmen - auch dadurch könnten sich positive Effekte erzielen lassen.
      Es geht bei dieser Aktion vielleicht auch darum Gewohnheiten zu ändern, vermutlich läst sich das aber durch Qualität besser umsetzen als durch Alternativlosigkeit. Wobei Qualität im Bezug auf Kantinenessen ja in den meisten Fällen sowieso ein dehnbarer Begriff ist, aber das Fass mach ich jetzt mal nicht auf.

      Ich glaube mich zu erinnern, dass die Veggie-Tag-Initiative auf irgendeine Studie zurückgeht, die vorgerechnet hat, dass schon ein einziger fleischfreier Tag in Deutschlands Kantinen große Auswirkungen haben könnte. Insofern gebe ich dir auch recht, das ist wieder so ein typisches Grünen-Ding - man will war die Welt retten, aber nur mit dem minimalst nötigen Einsatz, so wie man halt mit Bio-Sprit zum Demeterhof 30km vor der Stadt fährt. Genauso erkauft man sich sein gutes Gewissen wenns um Klima- und Tierschutz geht - aber am besten ohne Einschnitte in der Lebensqualität in Kauf nehmen zu müssen.

      Löschen
    2. Ich glaube ich hab zu dem Thema grundsätzlich viel zu viel zu sagen und das Thema geht viel zu weit (du hast es ja mit dem Bio-Shit... ähm.... Sprit schon angesprochen) was hier den Rahmen sprengen würde. Ich denke wir sind da auch nicht allzu weit auseinander. :)

      Löschen
  6. Chapeau, liebe Clara! Das ist mit Abstand der beste Kommentar zu dem ganzen leidigen Thema, den ich bisher lesen durfte. Vielen Dank dafür.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.