Samstag, 4. Januar 2014

Gerupfte Hasen und geschredderte Küken - wieso wir uns (nicht) an "Kleinigkeiten" abarbeiten (sollten)

Pünktlich zum Fest gab es den nächsten Tierschutzskandal, präsentiert von Peta: Undervocer-Aufnahmen aus China zeigten, dass Angorawolle nicht ausgekämmt oder geschoren wird, wie sich das wohl der Durchschnittsverbraucher dachte, sondern auf ziemlich gruselige Weise ausgerupft. Die miserablen Haltungsbedingungen, die der Hintergrund der Aufnahmen andeutete waren dann auch erst gar kein Thema mehr, denn das Geschrei der Kaninchen war schon schockierend genug.

Prompt folgte die Zusage diverer Bekleidungsfirmen künftig auf Angora-Wolle verzichten zu wollen, ähnlich wie schon das Vorgehen beim mulesing-Skandal.
Der Verbraucher war geschockt: das hatte er nicht gewollt und auch nicht erwartet, aber, die Frage sei erlaubt, was erwartet der Verbraucher denn eigentlich?

Es kommt schon einer systematischen Verleugnung gleich, dass hier nicht  eins und eins zusammengezählt wird. Egal um welche Tierhaltungsform es geht, jede hatte bisher ihre Skandale und Enthüllungen, die an sich nur eine mehr oder minder widerwärtige Facette auf der Skala der ethischen Untragbarkeiten beleuchtet haben.
Die Frage ist, weswegen niemand gewillt ist das große Ganze zu sehen und sich stattdessen lieber auf romantisierende Vorstellungen zurückzieht, wie "dem kleinen Familienbetrieb auf dem Land bei dem der Bauer die Kühe noch persönlich kennt." Viel hätte ich zu sagen über die kleinen Betriebe auf dem Land, die ich als Kind kennengelernt habe, von verdreckten Ställen und ganzjähriger Anbindehaltung, von rechtswidrigen Schlachtmethoden und winzigen Schweinekoben, aber das ist hier nicht das Thema.

Es geht vielmehr um die Frage, weswegen keiner gewillt ist zu verstehen, dass das System "Tierproduktion" diese Art des Vorgehens erfordert, um wirtschaftlich arbeiten zu können und dass es kontraproduktiv ist den Menschen immer nur kleine Facetten der Grausamkeit zu präsentieren, ohne das große Ganze in Frage zu stellen. Der Verbraucher scheint der irrigen Vorstellung erlegen zu sein, dass bis auf diese wenigen Ausnahmen schon alles in Ordnung ist, dass es sich um bedauerliche Einzelfälle handelt. 
Aber es gibt einen Grund warum die Tierproduktindustrie mit bunten Werbebildchen und nicht mit tatsächlichen Aufnahmen in die Offensive geht - dem Verbraucher lässt sich die Realität nur schwer verkaufen. Die Art der Tierproduktion, die notwendig ist um den Markt zu bedienen, ist in keiner Weise das was sich der Otto-Normalkonsument vorstellt, wenn er von der "Natürlichkeit einer omnivoren Ernährung"  schwadroniert. Trotzdem gelingt der gedankliche Sprung nicht, von der Ebene der Vielzahl an Skandalen, Skandälchen und Enthüllungen hin zu einer reflektierenden Gesamtschau des Systems.
Stattdessen scheinen diese Ereignisse psychisch so verarbeitet zu werden, dass sie affirmativ die Annahme, dass "eigentlich schon alles in Ordnung" und "im Großen und Ganzen tragbar wäre" bestätigen und so das System zu stützen, frei nach dem Motto "Ausnahmen bestätigen die Regel."

Insofern funktioniert der (meist zeitweilige) Boykott bestimmter Produkte vor allem als Gewissensberuhigung und erlaubt einem sein Selbstbild vom "ethisch bewussten Konsumenten" aufrecht zu erhalten, während man sich in anderer Hinsicht gar nicht erst über die Produktionsbedingungen informiert oder den Hinweis darauf mit einem "ich mach aber doch schon so viel und enthalte mir soviel vor" wegwischt.
Dass aber das (meist zufällig) ausgewählte Boykottprodukt nur einer der krankhaften Systemauswüchse ist, wird hierdurch geleugnet und der Verzicht zu einer Art Systemopposition verklärt, die in Realität aber systemstützend fungiert, da sie die großen Zusammenhänge leugnet und sich irgendwann selbst auflöst, wenn das "Skandälchen" lang genug her und die Angorastulpen günstig und schön genug sind. Was davon bleibt ist eine Blase die zerplatzt, kein Bewusstsein wurde geschaffen, nicht an der große Frage gerüttelt. Stattdessen erlebt man sich durch den kurzzeitigen Verzicht als "guten, bewusst handelnden und informierten Menschen" und bestätigt sein Selbstbild - man gewinnt, Tier verliert.

Auf der Jagd nach Medienpräsenz (und damit verbundenen Spendengeldern) schneiden sich die Tierrechtsorganisationen also in gewisser Weise ins eigene Fleisch, da sie durch die Herausstellung einzelner "Aufdeckungen" das Gegenteil von dem Erreichen, was sie eigentlich bezwecken (sollten?).
Wir müssen unser Vorgehen ändern, wir müssen wagen die große Fragen zu stellen und Verbindungen auch zu "themenfremden" Komplexen herstellen und vor allem brauchen wir einen kritischeren Umgang mit uns selbst.

Kommentare:

  1. Ähnliche Gedanken habe ich auch zum "Tierschutz" und bestimmten Aktionen, die auf irgendwas kleines, bestimmtes treffen wo alle "ja, DAS ist schlimm sagen können" aber mir nicht die angeblich tollen anderen tierprodukte zeigen können. Da es sie ja auch nicht geben kann. Ich find das alles sehr frustrierend, schließlich kann man die menschen auch nicht gleich mit der "ganzen wahrheit" konfrontieren, weil sie dann total abwehren. Aber vielleicht geht das auch nur so? Das eben erst eine abwehrhaltung kommt und irgendwann ein nachdenken über das große ganze.

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  2. Das sprichst du ein wahres Wort und ich bin froh, dass du das auch so siehst. Aber ich denke, die, die es ansprechen sollte - die werden es wahrscheinlich eh wieder nicht lesen!

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  3. Hmmm, ich weiß es auch nicht genau :( Aber wenn man "große Fragen" stellt, sind viele überfordert, leider. Wenn ich mit jemandem 20 Minuten über Tierrechte sprechen will, hat er schon nach 2 Minuten keinen Bock mehr. Frage ich ihn aber im vorbeigehen, ob sein angeblicher Kunstpelzkragen vielleicht doch von einer Katze ist, habe ich sofort seine volle Aufmerksamkeit. Ich denke, so kleine Nadelstiche und Skandale können schon etwas bewirken. Auch wenn dann nach 2 Wochen wieder alles vergessen ist .... die Masse macht's dann eben ..... vielleicht ...

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  4. Ich denke auch das es gut ist in den überwiegenden Fällen die großen Fragen zu stellen. Aber es gibt einzelne Umstände im Bereich der Tiernutzung die so groß sind, dass sie thematisiert und beendet werden müssen. Jetzt sofort. Und nicht erst, wenn alle Menschen bereit sind die großen Fragen auch auf sich selbst und die eigenen Verhaltensweisen zu beziehen und Konsequenzen daraus abzuleiten.

    Der Mix machts, denke ich.

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