Sonntag, 23. März 2014

Reden über Fleischkonsum - der Umgang mit Nichtveggies

Nicht erst seit Erfindung des Sixpack-Veganers und dem darauf folgenden sprunghaften Anstieg des Flexitariertums ist die kein Fleisch vs. weniger Fleisch-Debatte einer der großen Streitpunkte. Wie soll sich ein Veganer positionieren, wie sinnvoll ist es eine radikale Position einzunehmen und Fleischkonsum generell abzulehnen oder ist ein Entgegenkommen der bessere Weg, um sich Sympathien und Gesprächsbereitschaft zu sichern?
Manche sind um die Außenwirkung bemüht, andere argumentieren mit Erfolgen und einige sehen die vegane Grundideale gefährdet.

"die Veganisierung der Welt"

Diejenigen, die eine vermeintlich vermittelnde Position einnehmen und in der Reduktion des Fleischkonsums bereits einen immensen Fortschritt erkennen, berufen sich häufig darauf, dass so eine größere Menge Menschen überzeugt  und/oder der Veganismus salonfähig gemacht werden könne.
Zugegeben stößt mich diese Argumentation etwas ab. Sie klingt zu sehr nach missionarischem Eifer. Vegan zu leben ist für mich in erster Linie die konsequente Umsetzung meiner ethischen Überzeugungen, nicht das Sammeln einer möglichst großen Zahl von Mitstreitern. Akzeptiert jemand meine Argumentation und entscheidet sich selbst vegan zu leben, handelt es sich nicht um meinen Verdienst. Es ist bestenfalls eine Mittlerposition die ich einnehme, indem ich meine Weltsicht erkläre und jemanden auf diese Art überzeuge. Die Logik dahinter besteht unabhängig von mir.
Der Einwurf, dass sich mit einer größeren Öffentlichkeit auch die Wahrnehmung der ethischen Implikationen ändert, ist durchaus berechtigt. Erst durch die zunehmende Präsenz ist vegane Ernährung ein Thema geworden, das Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Die Zeiten, in denen der Verzicht auf Tierprodukte im öffentlichen Bewusstsein zwangsläufig mit linksalternativem Außenseitertum gekoppelt war, dürften vorbei sein. Dass vegane Ernährung kein reines Randphänomen mehr ist und dass es mittlerweile auch außer Haus genügend vegane Optionen gibt, ist ebenso allein dem Vegan-Boom zu verdanken. Auch ich finde das praktisch und dass ich für eine Packung Sojamilch nicht mehr ins entlegendste Reformhaus der Stadt fahren muss, ist bestimmt nichts worüber ich mich beschweren würde, aber es ist ein reichlich egoistisches Argument für eine Verbreitung veganer Ernährung.

"Jedes Stück Fleisch weniger ist gut für die Tiere."

Es gibt auch Stimmen die annehmen, dass man durch Fleischverzicht eine relevante Anzahl Tierleben retten würde und deswegen jedes nicht gegessene Schnitzel zähle.
Ich würde mir wünschen es wäre so einfach, aber die Zahlen sprechen leider eine andere Sprache: Trotz des in Deutschland sinkenden Fleischkonsums, werden jedes Jahr neue Schlachtrekorde aufgestellt. Was hier im Land nicht konsumiert wird, geht in den Export und die industrielle Tierhaltung arbeitet bereits am Auschöpfungsmaximum. Durch die globalisierte Wirtschaft fällt der individuelle Boykott nicht ins Gewicht. Und durch die Diversifizierung der Konkurrrenzunternehmen auf dem Fleischmarkt ist der Griff zu der Tofuwurst neben der Teewurst für das "boykottierte" Unternehmen ebenso relevant, als hätte man zu einem fleischhaltigen Mitkonkurrenten gegriffen. Kein Fleisch zu kaufen übersetzt sich wirtschaftlich nicht in Systemkritik, da die ethischen Beweggründe für den Hersteller überhaupt keine Relevanz haben und durch die Kaufentscheidung auch nicht sichtbar werden. Die simple Logik hinter der Konstruktion dieses Angebot-Nachfrage-Arguments würde nur funktionieren, würde man Fleisch "on demand" kaufen. Das Schnitzel, auf welches man in der Kantine verzichtet, hat aber keine Auswirkungen. Zumindest nicht, solange es mehr als genügend alternative Absatzmärkte gibt.

Über wessen Recht reden wir eigentlich?

Wer hat das Recht über Tod und Leben eines Tieres zu bestimmen? Rein rechtlich ist das Töten legitim, wenn es aus "gutem Grund" geschieht. Dass Schlachten für Nahrungszwecke dazugehört, steht juristisch außer Frage. Die tierrechtliche Perspektive ist eine andere: Das Tier hat ein Recht auf Leben, über welches nicht fremd entschieden werden kann. Wer diese Ansicht vertritt, sollte sich im Klaren sein, dass er seine Position durch gegenteilige Aussagen aufweicht.
Zugegeben, das ist eine recht theoretische Diskussion. Praktische Auswirkungen sind aber näher als gedacht: Im Bezug auf Tierschutz und tiergerechte Ernährung gilt 'der Veganer' als vorbildlich. Als solcher eine Position zu vertreten, die Fleischkonsum (in welchem gemäßigten Maß auch immer) unterstützt, wird bestenfalls zu einer (nicht unbedingt gerechtfertigten) Glorifizierung von Biofleisch führen, schlechtestenfalls aber dazu, dass die vegane Position als Absolution für Fleischkonsum wahrgenommen wird.

"Du isst Fleisch, also...?"

Dass es sich bei der Fleisch-kein-Fleisch-Frage um ein Reizthema handelt ist offenkundig. Kritik an Verhalten oder Einstellungen ist für niemanden leicht zu ertragen, erst recht nicht, wenn es sich um ein emotional derart aufgeladenes Thema handelt.
Dass Massentierhaltung untragbar ist, ist breiter gesellschaftlicher Konsens, Tiertransporte über weite Strecken lehnt die Mehrheit ab und soll eine neue Mastanlage oder ein Schlachthof gebaut werden, gibt es breite gesellschaftliche Proteste. Die Grundpositionen klaffen trotzdem auseinander: Das Töten wird nicht in Frage gestellt. Tatsächlich geht es den meisten um Verbesserungen im Hinblick auf den Tierschutz, nicht aber um eine originär tierrechtliche Position.
Inwieweit man als Veganer aus praktischen Erwägungen bereit ist, die eigene Position abzumildern oder aufzugeben muss man mit sich selbst ausmachen. Zudem mag diese Frage nicht immer eindeutig zu beantworten sein, da es in Interessensverbänden durchaus Sinn machen kann, sich auf eine vermittelnde Position zu einigen.
Dabei ist eine der größten argumentativen Schwächen der Gegner der kein-Fleisch-Position, dass sie davon ausgeht, dass selbige notwendig aggressiv und damit abschreckend vorgetragen werden muss. Es ist aber durchaus möglich den eigenen Standpunkt deutlich zu machen, ohne damit einen Angriff oder eine Abwertung des Gegenübers zu implizieren.
 Ich belasse es bei "ich halte das Töten von Tieren (zu Nahrungsmittelzwecken) grundsätzlich für nicht vertretbar," verdeutliche aber auch, dass ich es für eine ethische Frage halte und ich mir durchaus bewusst bin, dass meine eigene Position keine notwendige ist. Auch wenn es nicht meinen Überzeugungen entspricht, so hat jeder das Recht zu einem anderen Schluss zu kommen.

Die Absolution für Fleischkonsum aus dem Mund eines tierrechtlich orientierten Veganers dagegen halte ich für bigott oder um Hagen Rether zum meatless monday zu zitieren: "Der Mann [Paul McCartney]  ist seit Generationen Vegetarier und wirbt dafür, an sechs Tagen in der Woche Fleisch zu essen."

Kommentare:

  1. „Das Schnitzel, auf welches man in der Kantine verzichtet, hat aber keine Auswirkungen “
    Schon bei wenigen Gleichgesinnten aber ganz sicher doch, der Betreiber passt sein Einkaufsverhalten zur Minimierung seiner weggeworfenen Portionen an, ganz allein aus finanziellen Gründen. Schön zu sehen in der Kantine eines großen Konzerns am Bodensee. Viele Mitarbeiter wählen fast täglich das vegetarische Menü, weil es sehr gut schmeckt, nicht belastet und wenig Kalorien hat. Ist doch schon mal o.k.!
    Dass selbst bei einem schrumpfenden Fleischmarkt die Produktion in Deutschland lokal zunimmt, liegt leider an den hiesigen Rahmenbedingungen. Weltweit gesehen sterben durch jedes Promille zusätzlicher Vegetarier + Veganer schon entsprechend weniger Tiere.

    Viele Grüße, Stefan

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    1. Hallo Stefan,

      entschuldige, deinen Kommentar hatte der Spamfilter gefressen.
      Ich würde mich dem gerne anschließen, denn auch ich möchte, dass meine Konsumentscheidungen Relevanz zeigen. Nur halte ich den Impact einzelner Kantinen, etc. für nicht aureichend. Mag sein, dass von einzelnen Gastronomien weniger bestellt wird, dennoch ist die Gesamtnachfrage nach Fleisch weltweit noch lange nicht gedeckt und das was in Deutschland nicht konsumiert wird, wandert eben in den Export. Die Mastställe etc. werden ja nicht weniger belegt, die Schlachthöfe sind nicht weniger ausgelastet, es rettet also im Endeffekt kein Tier, es wird nur an einem anderen Ort konsumiert. Trotz des gesunkenen Pro-Kopf-Fleischkonsums und der sinkenden Bevölkerungszahlen wird ja immer weiter ausgebaut, gefühlt entsteht jede Woche ein weiterer Riesenschlacthof oder eine andere Riesenmastanlage (von deren Existenz man ja eigentlich nur durch die Proteste dagegen erfährt).
      Relativ gut mit Zahlen belegt ist auch dieser Artikel, der zu einem ähnlichen Fazit kommt wie ich, wenn auch deutlich politisierter: http://asatue.blogsport.de/2014/03/22/vegan-hype-ursachen-vereinnahmung-aus-kaempferischer-perspektiven/

      Beste Grüße!

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