Mittwoch, 2. April 2014

Schlacke und Co: Fasten und Detoxkuren


Fasten?


Seit etwa zehn Jahren faste ich regelmäßig - nicht einfach so wild drauf los, sondern geplant und nach Anleitung. Ich nehme mir eine bestimmte Anzahl Tage vor, schaufle meinen Terminplan leer, kaufe Zutaten für meine Brühen und Säfte für mein Mittagsgetränk, lege ein Fastentagebuch neben mein Bett, platziere meine Laufschuhe und meine Schwimmsachen gut sichtbar im Flur und dann genieße ich das Nicht-Essen-Müssen, meist für fünf bis zehn Tage.

Im Vordergrund steht dabei die Auseinandersetzung mit Gewohnheiten. Nach den üppigen Weihnachtsfeiertagen war Fasten für mich immer ein wirksames Mittel um die außer Kontrolle geratenen Ernährungsgewohnheiten zu bändigen. Spätestens um Halloween geht es jedes Jahr los: Hier ein Plätzchen, da ein Schokoriegel, doch lieber eine zweite Portion Pommes statt Salat und der Sport, zu dem ich mich sonst ganz gut aufraffen kann, wird wetterbedingt reduziert und dann eingestellt.
Die Quittung nach den Feiertagen: Die Jeans kneift und spannt, schnippt man gegen den Bauch, schwabbelt er wie ein Wackelpudding und die Kondition ist meistens auch im Eimer, was es nicht leichter macht sich wieder zum Sporteln aufzuraffen. Sätze wie: 'Ab morgen wieder weniger Fett' oder 'gleich morgen Früh geh ich joggen' gehören zum nichteingehaltenen Standardrepertoire und werden immer weiter nach hinten verschoben - natürlich mit den allerbesten Ausreden.

Gewohnheiten durchbrechen!



Hier kam für mich immer das Fasten ins Spiel: Gewohnheiten durchbrechen und einmal den Resetknopf drücken - tolle Sache eigentlich. Und wirklich fällt es mir danach um einiges leichter wieder vernünftig zu essen. Nach den Aufbautagen habe ich mich wieder daran gewöhnt, dass nicht alles in Öl getränkt oder pappsüß sein muss, um zu schmecken. Zudem fange ich während der Fastenwoche mit leichtem Sport an, den ich auch danach konsequent weiterführen und steigern kann und der Push für das Selbstbewusstsein ist ganz enorm: Wenn ich es schaffe zehn Tage nichts zu essen, an Restaurants und Eisdielen vorbeizujoggen, ohne den Kellner anzufallen oder sabbernd an der Scheibe festzukleben, was kann mir dann noch etwas anhaben? Mind over matter.

Gerichtet habe ich mich dabei nach dem Plan in dem von Fastenarzt Dr. med Hellmut Lützer bei GU erschienenen Fastenführer. Der Fastenplanlan ist für eine Woche konzipiert: Ein Entlastungstag, fünf Tage Tee-Saft-Fasten nach Buchinger und Rezepte für zwei bis drei Aufbautage.
Mit ein bisschen Recherche ließ sich schnell herausfinden, dass viele der Erklärungen, die allgemein zum Fasten gegeben werden nicht dem medizinischen Forschungsstand entsprechen, aber es war mir egal. Das Ergebnis war das was zählte und meines fühlte sich verdammt gut an.

Während der Fastenperioden hatte ich erstaunlicherweise nie mit Hunger zu kämpfen. Spätestens nach dem ersten Tag hatte ich auch das Bauchgrummeln hinter mich gebracht und empfand das durchaus als befreiend. Unangenehm waren dagegen die teils heftigen Stimmungsschwankungen, die ich aber als für die 'Entgiftung' notwendige Fastenkrisen in Kauf nahm. Auch der widerliche Zungenbelag und das vermehrte Ausschwitzen unangenehmer Gerüche redete ich mir lange Zeit schön, ich sah darin die Zeichen, dass an der 'Entgiftung' doch etwas dran sein müsse, auch wenn ich im Laufe der Zeit immer wieder über Artikel und Studien stolperte, die zumindest das Vorhandensein von Schlacken als alternativmedizinischen Unsinn brandmarkten.
Auf der anderen Seite schießen in jedem Jahr - pünktlich zum Frühlings- und damit auch Diätstart - Artikel aus dem Boden, die Fasten als Entgiftungskur anpreisen.

Detox? Entgiftung? Entschlacken?



Das Zauberwort: Detox, zu Deutsch Entgiftung. Das klingt nicht nur hipper, es entgeht auch der Frage danach, was entschlacken eigentlich bringen soll, wenn die Existenz von Schlacken mittlerweile medizinisch widerlegt ist. Aber auch wenn es nicht um die Ausleitung von überschüssigen Stoffwechselprodukten geht, Giftstoffe lagern sich tatsächlich im Fettgewebe ab.
"Weshalb Abspeckkuren Gift freisetzen, erklärt sich aus der Funktion unserer Fettpolster. Sie sind evolutionär nicht nur als Kältepuffer und Reserven für nahrungsärmere Zeiten gedacht, sondern auch als Zwischenlager für fettlösliche Gifte." (spiegel.de)
 Untersuchungen legen aber nahe, dass die radikale Auflöung der Giftdepots eher schädlich ist:
Die große Menge Giftstoffe, die auf einmal freigesetzt wird, wird nicht ausgeschieden oder ausgeschwitzt, sondern zirkuliert im Blut, gelangt von dort in die Organe und kann diese schädigen. Vor allem stark übergewichtigen Personen und Menschen, die häufig Kontakt zu Umwetgiften haben, wird deswegen von Fasten in Eigenregie unbedingt abgeraten.
Tatsächlich macht es aber wohl durchaus einen Unterschied, wie viel Fettmasse abgebaut wird. Gehört man nicht zu den Risikogruppen, so sind bei wenigen Fastentagen und entspechend geringem Fettverlust die Gefahren nicht so groß, wie bei langzeitigem Fasten. Unterschätzen sollte man sie aber nicht.
"Wenn zu lange gefastet wird oder Kinder, Kranke und Normalgewichtige fasten, kann der Angriff auf die Energiereserven gefährlich werden. Auch bei kurzzeitigem Fasten können Probleme auftreten," warnt die DGE (sueddeutsche.de)

Mein Fazit

Fasten ist jedes Mal wieder eine interessante Erfahrung. Bewusst eingesetzt lernt man seine Grenzen kennen, schaltet sich selbst ein wenig herunter und setzt sich selbst einen Startpunkt für Änderungen im Lebenswandel. Dazu muss man bereit und sich dessen bewusst sein. Eine unbedingte und radikale Zäsur bietet das Fasten allemal.
Gesundheitliche Vorteile bringt das Fasten dagegen nur in medizinischen Ausnahmefällen (das sogenannte Heilfasten sollte aber unbedingt unter ärztlicher Aufsicht und ausschließlich bei entsprechender Indikation durchgeführt werden).
Im Gegenteil sind viele Vorerkrankungen unbedingte Ausschlussgründe - so zB Herz-, Leber- und Nierenerkrankungen, sowie Essstörungen oder Suchterkrankungen.
Wer selbst gerne einmal fasten möchte, sollte sich unbedingt vorher von einem Arzt durchchecken lassen und sich gründlich informieren. Ich selbst werde es künftig wohl lieber mit 'leichteren' Formen des Fastens versuchen, wie sie einige meiner Blognachbarinnen in der Fastenzeit praktiziert haben. Für einen Reset genügt eine Verzicht auf Zucker oder Weißmehl wohl auch - und auf dem Weg zurück zu einem gesünderen Lebensstil ist es ohnehin besser, die verkorksten Gewohnheiten sofort an der Wurzel zu packen und die Strategien in den Alltag zu integrieren.



Zum Weiterlesen:

Fasten - Die Mär vom Entschlacken (Spiegel)
Ballaststoffe fürs Gehirn - Sinn und Unsinn des Fastens (SZ)
Faktencheck: So sinnvoll ist eine Fastenkur (Spiegel)
Wie neugeboren duch Fasten (Dr. med Hellmut Lützner)






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